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Bonding und erstes Stillen

Der erste ungestörte Kontakt von Eltern und ihrem Neugeborenen schafft die Basis für eine dauerhafte, einzigartige Beziehung. Studien zeigen, dass das Unterbrechen des Bondings durch Klinikroutine Konsequenzen hat auf Stillerfolg und Stilldauer, auf den Zustand des Kindes und das fürsorgliche Verhalten der Mutter.

Das englische Wort "Bonding" ist in viele Sprachen übernommen worden. Mit "Bonding" ist die innere Gefühlsverbindung gemeint, die Eltern zu ihrem Baby entwickeln. Die Mutter, der Vater verlieben sich regelrecht in ihr Kind. Dieses Verlieben ist die Basis für eine dauerhafte, einzigartige Beziehung.

Die Liebe zu ihrem Kind und die Verbundenheit mit den Eltern ist eine wichtige Voraussetzung für die Sicherheit und das gesunde Gedeihen des Kindes. Diese Liebe stellt sich nicht bei allen Müttern automatisch nach der Geburt ein. Die innere Bindung, die Eltern zu ihrem Kind entwickeln, ist ein Prozess, der durch viele Einflüsse und Erfahrungen geprägt wird.

Wie sich zwei Menschen ineinander verlieben und sich zueinander verhalten, ist uns allen vertraut: Blick- und enger Körperkontakt, Streicheln, Schmusen, Berührung, intensives Sprechen miteinander und sich von anderen zurückziehen. Für Mutter, Kind und Vater läuft diese erste Phase sehr ähnlich ab. Sie brauchen viel Kontakt und Zeit miteinander.

Die Mutter-Kind-Beziehung ist die wichtigste Beziehung in unserem Leben und hat Einfluss auf alle weiteren Beziehungen. Das Hormon Oxytocin, das "Liebeshormon", versetzt die Mutter in die Lage, sich in ihren Säugling so richtig zu verlieben. Der Oxytocinspiegel ist in der ersten Stunde nach der Geburt ganz besonders hoch. Hautkontakt, Blickkontakt, Geruch, suchende Bewegungen und Lautäußerungen von Seiten der Mutter wie des Kindes wirken gegenseitig stimulierend.

Biologisch gesehen sind Mutter und Kind bestens ausgerüstet, damit dieser Bindungsprozess, der bereits in der Schwangerschaft begonnen hat, unmittelbar nach der Geburt seine Intensivierung und Fortsetzung findet. Das Bindungsverhalten, von dem das Stillen ein ganz wichtiger Teil sein kann, soll durch die Klinikroutine unterstützt werden.

Jede Trennung von Mutter und Kind muss gut überlegt werden.

Warum ist das erste Stillen so wichtig?

  • Die Mutter erlebt ihr Kind aktiv und hat ein Gefühl von "Alles funktioniert"
  • Die Rückbildung der Gebärmutter wird unterstützt
  • Der Saugreflex ist besonders intensiv
  • Saugen stimuliert die Hormonproduktion (Prolaktin fördert mütterliches Verhalten)
  • Das Baby bekommt das erste Kolostrum; dies enthält sehr hohe Anteile an Immunfaktoren und Zellanteile, die die Darmwände auskleiden und vor Allergien Schutz bieten
  • Kolostrum hat auch einen hohen Mineralgehalt, der ernsten Flüssigkeitsverlusten vorbeugt, und enthält alle essentiellen Eiweiße und Fettsäuren
  • Die Enzyme in der Vormilch sind förderlich für die Verdauung, Hormone und Wachstumsfaktoren für die Darmreifung. Sie stabilisiert die Bifidusflora im Darm und verhindert das Wachstum von schädlichen Bakterien
  • Das Kolostrum fördert die Mekoniumausscheidung und verringert das Risiko einer Neugeborenengelbsucht
  • Das Neugeborene kommt mit mütterlichen Keimen in Kontakt
  • Die Milchbildung wird durch Saugstimulation angeregt.

Eltern, die die Bondingphase mit ihrem Baby nach der Geburt ungestört erleben können, fühlen sich kompetenter und sind es auch. Sie sind achtsamer und selbstbewusster im Umgang mit dem Baby. Mutter und Vater sind glücklicher und zufriedener, der Blickkontakt mit dem Baby ist länger, Berührungen sind häufiger. Es gibt weniger Probleme beim Stillen.

Frauen sollten eine längere Zeit nach der Geburt fürsorglich und liebevoll betreut werden. Eine Mutter entwickelt die Fähigkeit zur zärtlichen Fürsorge am besten, wenn sie selbst achtsam und liebevoll betreut wird und man ihr das Gefühl gibt, wie wichtig ihre Aufgabe als Mutter ist.

Wichtigkeit des frühen Stillens ist bewiesen:

  • Frühes Berühren und/oder Saugen an der Brustwarze und Areola hat nicht nur Auswirkungen auf Stillerfolg und Stilldauer, sondern kann auch zu einer erhöhten Interaktion und engeren Bindung zwischen Mutter und Kind während des Aufenthaltes auf der Wöchnerinnenstation führen. Hatten Neugeborene innerhalb der ersten 30 Minuten nach der Geburt Gelegenheit, Brustwarze und Areola zu berühren, gaben ihre Mütter sie auffallend kürzer im Kinderzimmer ab und sprachen am 4. Lebenstag mehr mit den Babys als die Mütter, deren Babys durchschnittlich erstmalig acht Stunden nach der Geburt die Brustwarze berührten.
  • Widstrom AM, et al.: "Short-term Effects of Early Suckling and Touch of the Nipple on Maternal Behaviour", Early Human Development 21:153-163, 1990
  • Righard und Alade fanden heraus, dass die Trennung von Mutter und Baby vor dem ersten Anlegen zusätzlich zu Saugschwierigkeiten führte. Diese Probleme traten selbst dann auf, wenn die Trennung nur etwa 20 Min. dauerte. Von den 17 Babys der Untersuchungsgruppe, deren Mütter während der Geburt keine Medikamente erhielten und die nicht von der Mutter getrennt worden waren, tranken 16 gut an der Brust. Von den 15 Babys mit einer Geburt ohne Medikation, die etwa 20 Min. lang zum Wiegen und Messen von der Mutter getrennt worden waren, tranken nur sieben gut an der Brust. Keines der 19 Babys, deren Mütter während der Geburt Medikamente erhalten hatten und die kurzfristig von der Mutter getrennt worden waren, saugte gut beim ersten Anlegen.
  • Righard, L., Alade, M.: "Effect of Delivery Room Routines on Success of First Breast-Feed", Lancet 336 (1990): 1105-7
  • Babys mit Hautkontakt hatten 90 Min. nach der Geburt eine signifikant höhere Körpertemperatur und höhere Blutzuckerwerte, und sie weinten auch weniger als die Babys der Kontroll-gruppe, die im Kinderbettchen neben der Mutter waren.
  • Christensson K., et al: "Temperature, Metabolic Adaption and Crying in Healthy Full-Term Newborns Cared for Skin-to-Skin or in a Cot", Acta Paediatrica, 81: 488-493, 1992
  • Mutter - Kind - Kontakt fördert fürsorgliches Verhalten. 134 Frauen aus einem sozial schwachen Umfeld hatten zusätzlich zwölf Stunden Mutter-Kind-Kontakt in den ersten zwei Tagen nach der Geburt. Die Kontrollgruppe von 143 Frauen, die aus einem ähnlichen sozialen Milieu stammten, wurde nur der übliche begrenzte Kontakt mit ihrem Neugeborenen zugestanden. Beide Gruppen hatten allerdings in der ersten Stunde nach der Geburt keinen Kontakt mit ihren Neugeborenen. Bei nachfolgenden Untersuchungen stellte sich heraus, dass in den ersten siebzehn Monaten in der Gruppe ohne zusätzlichen Kontakt Misshandlungen, Aussetzen und Vernachlässigungen der Kinder signifikant häufiger aufgetreten waren als in der Gruppe, die den zusätzlichen Kontakt gehabt hatte, und zwar in dem Verhältnis zehn zu zwei.
  • S.O‘Connor, et.al: Reduced Incidence of Parenting Inadequacy Following Rooming-in Pediatrics 66 ( 1980) : 176-82 zitiert aus Klaus/Kenell "Der erste Bund fürs Leben", Rowohlt 1997

"Wir haben keine Hinweise darauf finden können, dass die Einschränkung der frühen Mutter-Kind-Interaktion nach der Geburt, die bisher in Entbindungsstationen üblich war, von Vorteil ist. Im Gegenteil, Ergebnisse von Untersuchungen lassen darauf schließen, dass die Folgen solcher restriktiver Maßnahmen negativ sind. Auf Grund der vorhandenen Daten läßt sich die plausible Hypothese aufstellen, dass Frauen aus sozial schwächeren Schichten für die negativen Auswirkungen der Restriktionen auf die Entstehung eines gesunden Kontakts mit dem Kind besonders anfällig sind.

Zusammenfassend kann man sagen, dass es immer mehr Hinweise auf eine kritische Phase gibt, die für die Bindungserfahrung besonders wichtig ist. Es bedeutet jedoch nicht, dass alle Mütter und Väter innerhalb von wenigen Minuten gleich beim ersten Kontakt ein inniges Band zu ihrem Neugeborenen entwickeln. Die Reaktion ist nicht vorhersagbar und hängt nicht nur von individuellen Unterschieden zwischen den Betreffenden, sondern auch von den verschiedensten Einflüssen aus ihrer Umgebung ab. Wenn Eltern jedoch in der ersten Stunde nach der Geburt mit ihrem Neugeborenen allein sein können, wenn sie sich während des gesamten Krankenhausaufenthaltes nicht von ihrem Baby trennen müssen, wenn ihnen Unterstützung und Zuwendung zuteil wird, dann wird so eine Umgebung geschaffen, in der das Bonding die besten Chancen hat."

Zitat aus dem Buch "Der erste Bund fürs Leben" von Klaus/Kennell, S. 108 und 109.

Noch einige Tipps aus der Hebammenpraxis:

  • Bei leichten Anpassungsschwierigkeiten des Kindes nach der Geburt führt der Hautkontakt und die Wärme der Mutter zu einer Stabilisierung.
  • Während der Versorgung eines Dammschnittes oder -risses ist der beste Platz für das Kind der Bauch der Mutter, Haut auf Haut.
  • Nach Kaiserschnitt Möglichkeit zum Hautkontakt (Baby ausziehen!) geben, sobald die Mutter dazu in der Lage ist.
  • Muss das Kind verlegt werden, sollte vor der Trennung ein Kontakt möglich sein. Ein Foto vom Kind machen und der Mutter sobald als möglich einen Besuch beim Baby organisieren!


Literaturhinweise:

  • Klaus/ Kennell: Der erste Bund fürs Leben, Hamburg Rowohlt 1997. (Das Buch ist derzeit vergriffen. Annemarie Kern hat noch 50 Exemplare (Euro 21,20) lagernd. Bestelladresse: 2362 Biedermannsdorf, Lindenstr.20 Tel. 02236 - 72336)
  • Nancy Mohrbacher / Julie Stock: Handbuch für die Stillberatung. Deutsche Erstausgabe 1. Aufl. September 2000, La Leche Liga Deutschland e.V.
  • VELB Ausbildungsseminar 1, Annemarie Kern IBCLC


Quelle:
Österreichische Hebammenzeitung, Archiv: 9.Jg, Ausg. 1/03, Februar 2003